Dienstag, 23. Juli 2019

zerwühlt



Die wilde Nacht eilt pantherschnelle
auf heißem Fuß ins Tageshelle
und krabbelt demutbuckelig
ins ehewarme Nest zurück
samt schwerer Lüge im Gewissen,
die scharfzähnig sich festgebissen.

Vier Worte, rasch dahingeschrieben,
mehr ist vom Feuer nicht geblieben:
"Es tut mir leid." ...... Es tut dir leid???
Ein Fetzen Blatt. Ein Hauch von Zeit.
Der Raum geschwängert noch von Lüsten
und Zweifeln, die im Dunkel nisten.

Schon reißt der Abgrund seinen Rachen,
und aus der Tiefe dringt ein Lachen
gleich einem höhnischen Gesang:
"Du schwaches Fleisch! Du schwacher Wille!"
Die Scham durchbohrt die Lasterhülle.

Der Schmerz, den sie zurückgelassen,
sitzt fragend in dem tränennassen
zerwühlten Traum und blutet aus
nach dem so heimlichen Reißaus.
Und Bußgewand und Seelennöte
verschwinden in der Morgenröte.


(c) Bettina Lichtner

Montag, 22. Juli 2019

Wimpernflug


Die Wimper fällt, und zart und sachte
tupft sie der Zeigefinger auf.
Das Götzenspiel nimmt seinen Lauf,
denn aus den Seelengründen brachte
der Wunsch sich in den Tageslauf.

Die Lippen geben sich verschwiegen.
Die Augenlider sind gesenkt.
Was immer der Gedanke denkt,
er wird sich nur im Odem wiegen,
der bald der Wimper Richtung lenkt.

Noch harrt die Wimper ihres Fluges
und weiß ja nicht, wie ihr geschieht.
Der Wunsch, der im Verborgnen blüht,
sitzt auf dem Thron des Atemzuges,
der mit ihm in die Ferne zieht.

Ein liebevolles Pusten, Hauchen,
dann öffnet sich die Ewigkeit,
nimmt Traum und Wimper aus der Zeit,
sie in Vergesslichkeit zu tauchen
und schenkt sie der Unendlichkeit.

Die Wimper fällt, fällt immer wieder.
Der Finger tupft sie wieder auf.
Das Götzenspiel nimmt seinen Lauf,
es senken sich die Augenlider,
und wünschend flieht der Tageslauf.


(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 18. Juli 2019

Schmetterlinge & Zitronen



Zitronen tropfen von den Lippen.
Dein Wort von Säure ganz zersetzt.
Die Liebe möcht' vor steilen Klippen
ein einzig Mal vom Kuss noch nippen,
eh ihr der Tod den Stoß versetzt.

Doch tausend Wächter richten Waffen
auf eine weiße Flaggenflut,
das Glückliche hinwegzuraffen.
Die Narbe bricht und Wunden klaffen.
In toten Meeren wallt das Blut.

Die Dornen drücken ihre Speere
in alte Krusten, voller Lust.
Die Lüge sammelt ihre Chöre
und heftet gar mit Ruhm und Ehre
sich falsche Siege an die Brust.

Auf Fässer fallen letzte Tropfen,
und rauschend stürzt die Nacht zu Tal.
In Eile will die Hoffnung stopfen
was hoffnungslos, doch Teufel klopfen
ans Höllentor der Seelenqual.

Wo einst das Stroh zu Gold gesponnen,
liegt Spreu vom Weizen nun getrennt.
Das Gestrige gibt sich gewonnen.
Das Morgen aber scheint zerronnen
auf treibsandigem Fundament.

Der Abschied spannt die Schmetterlinge
ins Zaumzeug der Vergänglichkeit.
Doch flatterhafte Nachkömmlinge
- es liegt in der Natur der Dinge -
bestäuben bald ein neues Kleid ...


(c) Bettina Lichtner

Mittwoch, 17. Juli 2019

erschienen im Weser-Kurier am 14.7.2019:


(c) Bettina Lichtner

Sonntag, 14. Juli 2019

Der kleine Seestern



In der Meerestiefe träumt der kleine Seestern ganz allein,
wie 's wohl wäre, könnte er des Nachts ein Stern am Himmel sein.
Eine Fee kommt wie gerufen und durchschaut den stillen Traum,
trägt den Seestern aus den Wellen in den unendlichen Raum.

Setzt ihn sachte zu den andren in die sternenklare Nacht,
haucht ihm Leben, dass er leuchtet in noch nie gekannter Pracht.
Nur die Angst vor hoher Höhe wird dem Kleinen zum Problem,
doch das Schweben in der Weite findet er recht angenehm.

Er sieht runter auf die Erde, die so nah und doch so fern,
die so lieblich wie ein Apfel, doch mit Fäulnis im Kern.
Ja, ihm ist, sie leidet Schmerzen nach barbarischer Tortur.
Und ihm ist, als würd' sie seufzen: "Ach, was tun die Menschen nur ..."

Nur zu gut verstand der Seestern, was die arme Erde meint.
Er lag selber oft am Boden und hat bitterlich geweint,
weil das Meer, das einst so blaue, fremdverseucht mit Gift und Müll.
Und dann fragte er den Herrgott, ob es das ist, was er will.

Doch der Mensch, des Teufels Diener, zeigt nicht Ehrfurcht noch Respekt.
Seine habgierigen Werke haben Land und Meer befleckt.
Aus dem Weltall sieht der Seestern die Natur in größter Not,
und war traurig und verzweifelt übers Bild, das sich ihm bot.

Und er mochte nicht mehr leuchten auf die ach so kranke Welt,
wo man einem nur gehorchte: dem zerstörerischen Geld.
Und die Fee kam wie gerufen, trug den Stern zurück ins Meer.
Bleiern sank er in die Fluten, weil vor Gram das Herz ihm schwer ....


(c) Bettina Lichtner

Dienstag, 2. Juli 2019

Ross & Reiter



Früher war doch alles besser!
Keine Autos, sondern Rösser.
Kein Verkehrslärm, keine Raser,
sondern tierische Vergaser,
die im Trab und galoppierend
ihre Reiter treu chauffierend,
zu den fernsten Zielen ritten,
selbst bei rauen Wettersitten.

Feine Kutschen hinter Hufen
kamen Herrschaften gerufen.
Bei der Fahrt durch die Oase
wehte Frischluft um die Nase.
Keine Staus und Parkplatznöte,
nur bisweilen Stoßgebete,
wenn sich Räuber tückisch nahten
und gar grob um Schätze baten.

Die hufklappernden Motoren
brachten eiligst die Doktoren
auch zu kritischsten Momenten.
Wenn den Tod Sekunden trennten,
schnalzte hart des Kutschers Zunge
und des armen Pferdes Lunge
kam ins grenzwertige Keuchen,
die Patienten zu erreichen.

Mittels Kutsche fanden Briefe
dank erschwinglicher Tarife
ihren Weg in Haus und Hände,
und erzählten vielleicht Bände,
und umgarnten und liebkosten,
oder logen und erbosten,
waren Weinen und Betrüben
oder Lieben, Lieben, Lieben.

Wenn die Kutschenräder brachen,
waren derb zuweil' die Sprachen.
Doch das Fluchen war nichts nütze!
Lag der Karren in der Pfütze,
hieß es, Ärmel hochzuschieben
und sich in Geduld zu üben,
auch die Gäule einzufangen,
die vor Schreck im Kreise sprangen.

Kutschenfahrten, oft rasante,
galten damals als brisante,
denn mit ungeteerten Straßen
war bei weitem nicht zu spaßen.
Schlagloch oder Stock und Steine
waren wahrlich ungemeine,
unvergessliche Torturen
und bedeuteten Blessuren.

Ja, man wurde arg gerüttelt
und recht kräftig durchgeschüttelt.
War der Kutscher gar betrunken
und hat stark nach Schnaps gestunken,
mussten Gast und Pferde leiden,
doch ich möchte hier vermeiden,
mir solch Fahrten vorzustellen
oder Urteile zu fällen.

Ihres Dienstes längst entbunden,
ist die Kutsche nun verschwunden,
Ross und Reiter sind Geschichte.
Heute heißt es Fahrzeugdichte,
und den Bleifuß auf Pedalen.
Mit den blechern Rossen prahlen,
und auf asphaltierten Wegen,
sich mit andren anzulegen.

Dröhnen heut' statt Pferdewiehern.
Volk von Tempoüberziehern
- also somit Egomanen -
tummelt sich auf Autobahnen,
und sogar in Zone dreißig,
und missachtet dabei fleißig
jede Pflicht und jede Grenze,
jenes auch in voller Gänze.

Ach, wie war 's doch früher besser
als es Kutschen gab und Rösser!
Der Planet hat nicht gelitten,
kam der Kutscher angeritten.
Grüne Lungen zur Genüge,
alles der Natur zum Siege.
Doch der Fortschritt stand nicht stille,
und nun seht die Leidensfülle ....


(c) Bettina Lichtner