Dienstag, 12. Februar 2019

Kuckucks Hirngespinst



Der Kuckuck auf dem Lindenstrauch
ruft dreimal KUCKUCK, dann noch KUCK,
hält inne, hat ein Weh im Bauch,
nimmt einen großen Rebenschluck
und gurgelt ihn im Halse rum.
Dann fällt er jäh nach hinten um.

Fällt ins verwelkte Blättermeer,
verdreht die Augen drei-, viermal,
man dünkte schon, er wär' nicht mehr
(gestorben nach Vergiftungsqual),
da flattert er nach kurzer Rast
zurück auf seinen Ausgangs-Ast.

Und hockt da mit Gedächtnisschwund.
Er wisse nicht mehr, wer er sei.
Schon treibt die Mutmaßung es bunt
und flüstert ihm so mancherlei.
Er selbst indes glaubt recht geschwind,
er sei ein armes Menschenkind:

"Ich arme menschliche Natur!
Es drängte mich so hoch hinaus,
doch kam ich gänzlich aus der Spur.
Und Hochmut löst das Fallen aus!
Der Ruhm, nach dem mein Herz gegiert,
hat mich zum morschen Ast geführt.

Ein morscher Ast statt Thron und Gold.
Von unten höhnt die weite Welt:
"Nun hast du wohl zu viel gewollt.
Dein Henkersmahl ist schon bestellt.
Wird oben erst der Atem dünn,
sind Glanz und Glorie bald hin."

Und schon zerreißt mich manches Maul.
Die Schadenfreude spannt das Netz.
Mir wird die Zunge redefaul
bei dieser Übermacht an Hetz'.
Geprügelt mit dem Richterstab
ersehne ich das kühle Grab.

Ich knüpfe mir den Galgenstrick."
Da fliegt ein Uhu ihm zur Seit':
"Ein Hirngespinst bringt selten Glück."
Dann riss er ihn am Federkleid,
und gab ihm einen herben Schlag,
dass er benommen nieder lag.

Und als der Schreck vorüber war,
trat die Erleichterung ins Spiel
und stellte unverbrüchlich klar,
dass er dem Wahn zum Opfer fiel.
Er sei kein Mensch, sei nicht verlacht,
sei Kuckuck bloß, der Kuckuck macht.

Da fiel ein Stein, wohl felsengroß,
mit lautem Knall vom Kuckucksherz
in Mutter Erdens' stillen Schoß,
und Kuckucks' Dank ging himmelwärts.
Und die Moral aus dem Gedicht?
Das Morsche hält den Hochmut nicht.


(c) Bettina Lichtner