Donnerstag, 24. Mai 2018

Der Räuber



Auf der Straße ist das Handy unser Herr,
dem wir stets getreulich dienen und auch brav gehorsam sind.
Wenn es klingelt, interessiert der Rest nicht mehr.
Wir vergessen unsere Freunde, unsre Liebste, unser Kind.
Wir sind geradezu besessen
von dem Handy, doch indessen
zieht das wahre Leben rasch an uns vorbei.
Doch es wäre wohl vermessen
dieses Ding zu Schrott zu pressen,
denn dann gäbe es ein großes Wehgeschrei.
Dieses Handy hat uns fest in seiner Hand.
Und es raubt uns noch den kleinen Rest Verstand.

Auf der Straße sind die Handynutzer blind
für den Menschen gegenüber oder jenen nebenan.
Wenn sie abgelenkte Fahrzeugführer sind,
hat das Schicksal bald mit Leichtigkeit sein Tagewerk getan.
Die gebannt gesenkten Blicke
sind die neumoderne Tücke,
und sie haben manchen Faden früh gekappt.
Wenn ich Nachrichten verschicke,
mich aus jedem Blickfeld rücke,
werd' ich unversehens aus der Zeit geschnappt.
Dieses Handy hat uns fest in seiner Hand.
Und es raubt uns noch den kleinen Rest Verstand.

Auf der Straße macht das Handy, was es will.
Es macht alle Menschen hörig, gerade wie es ihm gefällt.
Nicht am Tag, noch in der Nacht verharrt es still.
Ihm gehören die Sekunden. Ihm gehört die ganze Welt.
Doch das meiste, was es sendet,
ist ein Trugbild, das verblendet,
und von wahrlich nur geringer Wichtigkeit.
Ob das Blatt sich jemals wendet?
Ob der Wahnsinn jemals endet?
Ich vermisse dich, du gute alte Zeit ....
Dieses Handy hat uns fest in seiner Hand.
Und es raubt uns noch den kleinen Rest Verstand.

Dieses Handy hat uns fest in seiner Hand.
Ja, wir ziehen aus demselben die Identifikation.
Nimm es weg, und es entsteht ein Flächenbrand.
Welch ein Albtraum auf der Erde seit der Zivilisation.
Tiere wundern sich und fragen,
was die Menschen da wohl tragen,
dass das Augenmerk so sehr gefangen nimmt,
dass sie kaum ein Wort mehr sagen,
wenn sie übers Display jagen,
das ganz augenscheinlich alle Zeit bestimmt.
Dieses Handy hat uns fest in seiner Hand.
Und es raubt uns noch den kleinen Rest Verstand.


(c) Bettina Lichtner

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.