Mittwoch, 21. Februar 2018

Das Tagebuch


Die alte Frau im Heim der Alten
hat still ihr Tagebuch gehalten,
und liest darin und lässt es sinken,
denn die Erinnerungen trinken
von Tagen, die nach Wehmut schmecken.
So schön, sie wieder aufzuwecken ...

Dort sind die frohen Kinderstunden
in viele Zeilen eingebunden
und atmen weiter, so als seien
Erinnerungen ihr Gedeihen.
Sie leben auf durchs stete Lesen,
als seien sie nie fort gewesen ...

Sie tanzen auf dem Seil der Zeiten
wie eh. Kein Wort von Neuigkeiten.
Die Schritte, die sie einstmals gingen,
geh'n, wie die Zeilen sie einst fingen,
und wie der Stift sie einst geschrieben.
Wie Freunde, die zur Seite blieben.

Vor Augen geben alte Tage
ihr Stelldichein, mal klar, mal vage.
Dort wird lebendig, was verloren.
Die innren Augen, innren Ohren
ergötzen sich am Altbekannten,
am Glühen alles Eingebrannten:

Da hüpfen kleine Kinderbeine
vergnüglich über Stock und Steine.
Der Puppenwagen wird geschoben,
und Omas alte Garderoben,
die kleinen Kindern so gefielen,
sind herrlich zum Theaterspielen.

Da flechten Blumen sich zu Kränzen,
da fassen Hände sich zu Tänzen,
es spielt der Opa Hoppereiter
und klettert auf die hohe Leiter,
um Drachen aus dem Baum zu graben,
die sich darin verfangen haben.

Da backt der Vater einen Kuchen,
und lacht, denn bei den Backversuchen
vergisst er Eier oder Butter
und erntet Schelte von der Mutter,
die dann zum Bäckerladen radelt
und dort nochmals den Vater tadelt.

Ja, ja .... durchs Tagebuch zu wandern
von einer Stunde hin zur andern,
das macht die alte Frau zu gerne.
Dann ist sie glücklich. Das Moderne,
das schreibt sie nirgendwo mehr nieder.
Sie liebt den Klang der alten Lieder ...


(c) Bettina Lichtner

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