Mittwoch, 10. Januar 2018

Hochmut vorm Fall


Ein Fräulein, zwanzig Lenze jung,
verlangt eine Entschuldigung
von einem, der am Straßenrand
gestraften Blicks, weil bettelnd, stand.
Er pfiff ihr nämlich hinterher,
nun macht sie ihm das Leben schwer.

"Sexist, verdammter!!", wettert sie.
Die Demut zwang ihn in die Knie.
Er habe es nicht so gemeint,
wie 's nun im Äußeren erscheint.
Es war als Kompliment gedacht
für ausstrahlende Übermacht.

Das Fräulein hob zum Keifen an,
da flüsterte der arme Mann
Poetisches, und drumherum
bestaunte ihn die Menge stumm.
Auch ich war dort, und hab notiert,
was der Gescholt'ne poesiert':

"Verzeihen Sie, vergeben Sie!
Mir stand der Sinn nach Harmonie!
Nie wollte ich verletzend sein.
Ich wollte auch kein Stelldichein
mit Ihnen. Nie im Leben nicht!
Ich bin auch nicht der Bösewicht,

den Sie in mir vermuten, ach ...
Ich gebe zu, ich wurde schwach,
als ich ihr Lächeln lächeln sah.
Es waren Freudensprünge da,
auch wenn ihr Lächeln mir nicht galt.
Es rührte mich. So bin ich halt ...

Sie sind so wunderschön gemacht,
doch als ihr Mund nicht mehr gelacht
und Feuer nur zu mir gespuckt,
da hat der Teufel hergeguckt,
direkt aus ihrem Angesicht.
Und ich? Ach, ich verstand es nicht.

Als wenn mein Pfiff ein Angriff war
auf ihre Ehre. Sonderbar ....
Ihr Äußeres so warm und zart,
ihr Inneres so kalt und hart.
Woher der Stolz? Warum die Wut?
Was birgt ihr Herz, dass da nicht ruht?

Wenn ich kein Obdachloser wär',
wenn ich - erlauben Sie die Mär -
ein Jüngling wär', recht muskulös,
gestylt, gepflegt, gekämmt, pompös,
und hätte dann den Pfiff getan?
Was sagten Sie dem stolzen Hahn?

Das gleiche, das Sie mir gesagt?
Nun sind Sie wahrlich überfragt,
ich brauche Ihre Antwort nicht,
weil 's Herz schon tausend Bände spricht ...
Nun stellen Sie sich aber vor:
Der stolze Hahn ist jetzt ein Tor.

Ich war der Hahn mit Geld wie Heu.
Gestylt, gepflegt, pompös .... vorbei.
Vom Leben kriegte ich den Tritt,
und mit der Zeit hielt ich nicht mit.
Ein Bettler nun. So kann es gehn.
Wie schnell sich manche Segel drehn ...

Dann kamen Sie, dem Engel gleich.
Und meine Knie wurden weich.
Ich träumte mich zurück ... zurück
in eine Welt, die voller Glück.
Verzeihen Sie, vergeben Sie.
Mir stand der Sinn nach Harmonie ..."

Die Menge staunte drumherum,
und lächelte und weinte stumm.
Das Fräulein stahl sich weg vom Fleck.
Poetisches war ihr ein Schreck.
Mein Herz indes war angerührt,
von dem, was jener poesiert' ...

Der obdachlose Dichter war
nach zwei, drei Stunden schon ein Star,
weil man ihn filmte und ihn jetzt
im Internet in Szene setzt.
Entdeckt, gepflegt, bescheiden, still,
schreibt er nun Bücher, wie er will.

Dem Fräulein dankt er. Wegen ihr
eröffnete sich Tür um Tür
bis hin ins große Rampenlicht.
Sie aber interessiert es nicht.
Wohl dem, der es ja nie vergisst:
Schnell geht es, dass man unten ist ...


(c) Bettina Lichtner

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