Sonntag, 28. Januar 2018

Leicht wie eine Feder



Schwinge, Feder, schwinge, schwebe,
tauche ein ins Tintenblau,
dass ich dich ins Verslein webe,
ja, dass ich vor Freude bebe,
wenn ich deiner Worte schau.

Schreibe auf, was dich gelüstet.
Lass dem Zauber freien Lauf.
Ist 's die Liebe, die sich brüstet?
Hat ein Schmerz sich eingenistet?
Schreibe, Feder, alles auf.

Gar nichts soll verloren gehen!
Alles will geboren sein.
Lass mich, Feder, eiligst sehen,
wie die Dinge in mir stehen.
Weih' mich ins Verborgne ein.

Kann die Wahrheit wohl vertragen.
Bringe, Feder, bring' ans Licht,
was dir Geist und Seele sagen,
sei es Glück, sei 's Unbehagen:
schäme dich der Worte nicht.

Ich vermag es ja zu spüren,
dass dort irgendetwas schreit.
Irgendetwas sucht nach Türen,
liegt in tausendfachen Schnüren.
Halte, Feder, dich bereit.

Bündelt euch, ihr Schmerzgeplagten,
die ihr in mir fleht und weint.
All die Feinde, die euch jagten,
an euch zehrten, an euch nagten,
sie ergeben sich, wie 's scheint.

Brüllt heraus, was euch zerrissen.
Ihr seid frei. So höret:  F R E I .
Fort, nur fort aus dem Gewissen,
wo ihr euch so festgebissen.
Gebt der Feder euren Schrei,

dass sie fängt, was euch bedrückte.
Sie bringt eure Pein ans Licht.
Seien es auch weltentrückte,
unbegreifliche, verrückte
Szenen, ach, verschweigt sie nicht.

Kann es bessre Wege geben,
als den Käfig aufzutun?
Gebt den Dunkelheiten Leben!
Helft, sie aus dem Grab zu heben,
dass sie nimmermehr dort ruhn.

So erwacht euch eine Stunde,
die der Sonne zugeneigt.
Gebt der Feder eure Wunde,
die im tiefsten Seelengrunde
viel zu lang' vor Kummer schweigt.

Raus damit. Vorbei das Schweigen.
Die Befreiung ist vollbracht.
Feder und Papier sind Zeugen,
das sich neue Tage zeigen,
frei von aller Seelenfracht.

Frei zu sein ..... welch eine Gnade.
Frei zu sein von schwerer Last.
Frei von aller Maskerade,
wandelnd nun auf freiem Pfade.
Welche Freude mich umfasst .....


(c) Bettina Lichtner

Montag, 22. Januar 2018

Vom Pflichtgefühl


Die ältere Generation
vereinsamt, doch wen kümmert' s schon?
Man hofft, ein Ministerium
für das vergess'ne Publikum,
sei wohl die Lösung des Problems.
Doch ach, welch Irrtum des Systems!

Das, was sich schlicht "Gesellschaft" nennt,
hat sich vom Pflichtgefühl getrennt,
die Älteren - ob Frau, ob Mann -,
zu integrieren. "Wie und wann?
Weshalb? Wieso? Und warum wir?"
Das Ego hat kein Feingespür.

Man gibt von seiner Zeit nichts ab.
"Weil ich kaum Zeit fürs Eigne hab'!" -
so murren sie, von Angst geplagt,
dass sie sich denen, die betagt
noch widmen müssten, denn man möcht'
ein König sein und nicht der Knecht.

Verreisen. Feiern. Ich, ich, ich!
So steht ihr Sinn. (Nicht brüderlich.)
Ihr Jugendwahn verschleiert nur
den nimmermüden Lauf der Uhr,
die spürbar ihre Werke tut
bis zum Bestattungsinstitut.

Das Ego ruft uns lauthals zu:
"Vergiss die andren! Du bist du!
Ob alte Leute einsam sind ...
EGAL. Auch deine Zeit verrinnt !!
Wer will schon Samariter sein?
Auf, auf, genieß den Sonnenschein?"

So greifen wir nach jeder Lust,
und leben äußerst selbstbewusst.
Der Schlachtruf lautet: "ICH ZUERST."
Und wenn du was vom "Einssein" hörst,
gibst du dich taub. Spirituell
ist dir zu intellektuell.

Die Menschheit eins? Ein großes WIR?
Wir sind fürs Miteinander hier?
Das kommt dir nicht geheuer vor.
Du nennst es schwärzesten Humor,
bei dem das Lachen dir vergeht
und dir das Haar zu Berge steht.

"Soll doch das Ministerium
sich kümmern um das Altertum!",
denkst du. Du dummer Wicht!
Ich rate dir: vergiss nur nicht:
DU bist in ein paar Jahren schon
die ältere Generation.

Erst dann, mein Freund, versteht du ja,
wie schlimm es ist, wenn keiner da,
der deine Einsamkeit bemerkt,
weil er sein eignes Ego stärkt.
Was du nicht willst, das man dir tu,
das füg' auch keinem andren zu ...


(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 18. Januar 2018

Fake-News-Award für alle



Auf der Erde wird nach Herzenslust getratscht,
wird erstunken und erlogen und ins falsche Licht gestellt.
Und wer ahnungslos in Minenfelder latscht,
dessen Leben wird zerrissen von den Mäulern dieser Welt.
Hinter Wänden, hinter Rücken
lauern mitmenschliche Tücken,
und sie suchen und sie finden ohne Ruh'.
Man wird durch den Dreck gezogen,
mit Konfetti aufgewogen,
aber niemals trug man jemals deine Schuh'.
Lauter Fake-News über den und über die:
alte zwischenmenschliche Philosophie.

Aber machen wir uns selber doch nichts vor:
wir war'n Opfer, waren Täter. Keine Seite ist uns fremd.
Keiner, der nicht schon ein böses Wort verlor
über irgendjemand sonst. Wer trägt ein lupenreines Hemd??
Es ist immer so gewesen:
man kann 's hören oder lesen:
wir geh'n ohne Skrupel aufeinander los.
Uns ergötzen in Intrigen,
das bereitet uns Vergnügen.
Da legt niemand seine Hände in den Schoß.
Lauter Fake-News über den und über die:
alte zwischenmenschliche Philosophie.

Aber wehe, wenn wir selbst das Opfer sind,
und man mahnend uns berichtet, was man über uns erzählt.
Wenn wir hören, was man sich zusammenspinnt,
ach, dann geben wir uns kränklich und das Lächeln wirkt gequält.
Dass wir selber - ja erst gestern -
uns beteiligten am Lästern,
ist uns neu; darüber denken wir nicht nach.
Spielen WIR die Opferrollen,
dann verbittern wir und schmollen.
In uns brennt es, wir ertragen kaum die Schmach.
Lauter Fake-News über den und über die:
alte zwischenmenschliche Philosophie.

Wahre Nächstenliebe fühlt sich anders an.
Aber davon ist die Menschheit wohl noch meilenweit entfernt.
Wenn die Zunge etwas wirklich richtig kann,
ist es Tratschen, ja zu tratschen haben Menschen nicht verlernt.
Ob 's die Großen sind, ob Kleine,
Alte, Junge, Arme, Feine -
allerorten wird getratscht seit eh und je.
Unwahrheiten zu verbreiten
liegt im Blut von allen Leuten.
Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende seh' ....
Lauter Fake-News über den und über die:
alte zwischenmenschliche Philosophie!


(c) Bettina Lichtner

Sonntag, 14. Januar 2018

Goldnes Lichtlein


Es beugt der Mensch sich tief hernieder
vorm Leidenssturm und dessen Macht.
Schon werden ihm die Kräfte müder,
als ihm der Lebensgeist erwacht.

Er macht ihm Mut, nicht aufzugeben,
sich kühn zu stellen, stark zu sein.
"Empor! Empor, so sei dein Streben!
Dem Sturme folgt der Sonnenschein!!"

Der Sturm erscheint wie ein Gebieter.
"ZU BODEN, DU !!", befiehlt er streng.
Selbst hartgesottenen Gemüter
wird sturmgeprüft die Kehle eng.

Das Weh und Ach bäumt sich wie Wellen
im Herzen auf. Ein Meer voll Leid ...
Die Tränen treten über Schwellen
und tränken die Verlorenheit.

Es schreit der Mund: "Ich will 's begreifen!?!?
Warum der Schmerz? Was will er mir?"
Da spricht der Sturm: "Du solltest reifen
am schweren Los!" ..... "WARUM? WOFÜR?"

"Die Seele wächst in harten Zeiten,
auch wenn es andersrum erscheint.
Wenn Stürme deinen Weg begleiten,
dann sind sie dir zum Wohl gemeint.

Kein Lichtlein ohne Dunkelheiten.
Die Finsternis ist gottgewollt.
Die tiefsten Täler zu durchschreiten,
macht reicher noch als alles Gold.

Wer lernt, sein Schicksal brav zu tragen,
statt feindlich ihm gestimmt zu sein,
der weiß gewiss: nach dunklen Tagen
hüllt ihn die warme Sonne ein.

Es ist der Himmel unser Lehrer.
Dort steht geschrieben, wie es geht.
Der Schmerz, schwarz wie ein Schornsteinkehrer,
bringt jenem Glück, der drüber steht ..."


(c) Bettina Lichtner

Freitag, 12. Januar 2018

Sei dankbar, dass du lebst



Grauer Schleier, Nebelschwaden.
Wieder hat ein Tag geladen,
doch der Mensch beklagt das Wetter,
hätte es gern violetter
oder rötlich, wie auch immer.
Grau indes erweckt Gewimmer.
Armer Mensch!! Den Schwamm darüber !!!
Halte inne! Danke lieber,
dass du lebst. Welch eine Freude!
Deinen Tanz auf Messers Schneide
hast du wieder mal gewonnen!
Drum den Tag mit Dank begonnen!
Gegen höhere Gewalten,
die das Wetter uns gestalten,
kannst du sowieso nichts machen!
Unsere Seele möchte lachen!
Halte dir bewusst vor Augen,
eh die Sinne Trübsal saugen,
dass so mancher nicht erwachte,
der noch gestern planend dachte,
der vielleicht noch Träume hatte.
Und  D U  führst eine Debatte
mit dir selbst des Wetters wegen???
Glaube mir, das bisschen Regen
würde der, der nicht erwachte,
lieben, LIEBEN. Also sachte
mit der Wetternörgelei.
Morgen ist 's vielleicht vorbei ...


(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 11. Januar 2018

alt & vergessen


Hochbetagte Einsamkeit
sitzt im Heim und hätte Zeit,
einen netten Plausch zu führen,
köstlich sich zu amüsieren,
in Gesellschaft Tee zu trinken,
in Geschichten zu versinken,
doch das Pflegepersonal
reagiert emotional,
würde gerne, kann ja nicht,
weil der Stress sich Bahnen bricht.
Ob da nicht Verwandtschaft wär'?
Wäre schon. Ist lange her,
dass Besuch ins Zimmer trat.
Der verwandtschaftliche Draht
hat schon lang' nicht mehr geglüht.
Doch Verzweiflung wär' verfrüht.
Vielleicht kommen sie ja heut'?
Was, wenn ja? Das schönste Kleid
zieht die Einsamkeit sich an,
kämmt das Haar, räumt auf und dann
sitzt sie da und wartet .... lang',
tage-, wochen-, jahrelang,
bis zu ihrer letzten Stunde.
Siehe da, welche frohe Kunde,
nach dem letzten Atemschnauf
tauchte die Verwandtschaft auf,
tat ganz traurig und betrübt,
doch - wenn 's was zu erben gibt -
weicht die Traurigkeit der Freud',
und man findet plötzlich Zeit,
- jetzt wo 's Mütterlein im Grab -
ihr gesamtes Gut und Hab'
aufzuteilen (oft mit Streit,
bis man sich sogar entzweit).
Ist das Zimmer besenrein,
wird es so wie immer sein:
hochbetagte Einsamkeit
sitzt im Heim und hätte Zeit ....


(c) Bettina Lichtner

Mittwoch, 10. Januar 2018

Hochmut vorm Fall


Ein Fräulein, zwanzig Lenze jung,
verlangt eine Entschuldigung
von einem, der am Straßenrand
gestraften Blicks, weil bettelnd, stand.
Er pfiff ihr nämlich hinterher,
nun macht sie ihm das Leben schwer.

"Sexist, verdammter!!", wettert sie.
Die Demut zwang ihn in die Knie.
Er habe es nicht so gemeint,
wie 's nun im Äußeren erscheint.
Es war als Kompliment gedacht
für ausstrahlende Übermacht.

Das Fräulein hob zum Keifen an,
da flüsterte der arme Mann
Poetisches, und drumherum
bestaunte ihn die Menge stumm.
Auch ich war dort, und hab notiert,
was der Gescholt'ne poesiert':

"Verzeihen Sie, vergeben Sie!
Mir stand der Sinn nach Harmonie!
Nie wollte ich verletzend sein.
Ich wollte auch kein Stelldichein
mit Ihnen. Nie im Leben nicht!
Ich bin auch nicht der Bösewicht,

den Sie in mir vermuten, ach ...
Ich gebe zu, ich wurde schwach,
als ich ihr Lächeln lächeln sah.
Es waren Freudensprünge da,
auch wenn ihr Lächeln mir nicht galt.
Es rührte mich. So bin ich halt ...

Sie sind so wunderschön gemacht,
doch als ihr Mund nicht mehr gelacht
und Feuer nur zu mir gespuckt,
da hat der Teufel hergeguckt,
direkt aus ihrem Angesicht.
Und ich? Ach, ich verstand es nicht.

Als wenn mein Pfiff ein Angriff war
auf ihre Ehre. Sonderbar ....
Ihr Äußeres so warm und zart,
ihr Inneres so kalt und hart.
Woher der Stolz? Warum die Wut?
Was birgt ihr Herz, dass da nicht ruht?

Wenn ich kein Obdachloser wär',
wenn ich - erlauben Sie die Mär -
ein Jüngling wär', recht muskulös,
gestylt, gepflegt, gekämmt, pompös,
und hätte dann den Pfiff getan?
Was sagten Sie dem stolzen Hahn?

Das gleiche, das Sie mir gesagt?
Nun sind Sie wahrlich überfragt,
ich brauche Ihre Antwort nicht,
weil 's Herz schon tausend Bände spricht ...
Nun stellen Sie sich aber vor:
Der stolze Hahn ist jetzt ein Tor.

Ich war der Hahn mit Geld wie Heu.
Gestylt, gepflegt, pompös .... vorbei.
Vom Leben kriegte ich den Tritt,
und mit der Zeit hielt ich nicht mit.
Ein Bettler nun. So kann es gehn.
Wie schnell sich manche Segel drehn ...

Dann kamen Sie, dem Engel gleich.
Und meine Knie wurden weich.
Ich träumte mich zurück ... zurück
in eine Welt, die voller Glück.
Verzeihen Sie, vergeben Sie.
Mir stand der Sinn nach Harmonie ..."

Die Menge staunte drumherum,
und lächelte und weinte stumm.
Das Fräulein stahl sich weg vom Fleck.
Poetisches war ihr ein Schreck.
Mein Herz indes war angerührt,
von dem, was jener poesiert' ...

Der obdachlose Dichter war
nach zwei, drei Stunden schon ein Star,
weil man ihn filmte und ihn jetzt
im Internet in Szene setzt.
Entdeckt, gepflegt, bescheiden, still,
schreibt er nun Bücher, wie er will.

Dem Fräulein dankt er. Wegen ihr
eröffnete sich Tür um Tür
bis hin ins große Rampenlicht.
Sie aber interessiert es nicht.
Wohl dem, der es ja nie vergisst:
Schnell geht es, dass man unten ist ...


(c) Bettina Lichtner

Samstag, 6. Januar 2018

Der Herrscher


Da streiten zwei. Der Grund? Egal ...
Es fliegen Worte um die Ohren.
Erst eins, dann zwei, dann ohne Zahl.
Man hat die Contenance verloren,
und just das Kind der Wut geboren.

Ein Dritter naht, der schlichten will.
Er redet scheinbar gegen Wände,
denn weder A noch B schweigt still.
Schlussendlich ballen sich die Hände,
es droht ein Kampf mit bösem Ende.

Der Dritte packt die zwei am Schopf.
Sie zetern laut wie kleine Kinder.
Wie hitzig jeweils doch ihr Kopf,
wie ungestüm auch ihre Münder,
als seien 's beide Feuerzünder.

Der dritte Mann sucht Zeit und Raum,
den Streithähnen den Marsch zu blasen.
Indes ... sie hören ihn ja kaum.
Sie dreschen ihre leeren Phrasen,
bis dass es dampft aus ihren Nasen.

Da schreit der Dritte es heraus:
"ES IST DIE WAHRE KUNST AUF ERDEN
(und diesem Fakt gebührt Applaus),
EIN HERRSCHER SEINER SELBST ZU WERDEN
INMITTEN ALLER DROHGEBÄRDEN !!"

Jawoll. Das saß. Denn Ruhe war 's.
"Oh, Stecknadel, ick hör' dir fallen ..."
Die Zungen des verhassten Paars
verstummten jäh, und von Krawallen
kein Zeichen mehr. Zum Korkenknallen!!

Der Dritte nutzt die Gunst der Zeit,
sein Kunstansinnen zu erläutern:
"Die Selbstbeherrschung meidet Streit.
Sie möchte nicht am Jähzorn scheitern,
nicht sinnlos Sinnloses erweitern.

Wer friedlich bleibt in größter Schlacht,
der ist ein Künstler wohl zu nennen.
Er bleibt ganz ruhig und lacht und wacht,
dass innen keine Flammen brennen,
die ihn vom Glück des Friedens trennen.

Selbst wenn ihn jemand provoziert,
zerschellt das Wort an starker Mauer,
so dass es alle Macht verliert.
Und wird 's um ihn auch rau und rauer:
sein Seelenfrieden trotzt mit Power!"

Ach, da verstanden es die zwei.
Sie sahen auch die Nichtigkeiten
und das verbale Einerlei.
Statt also weiterhin zu streiten,
mutierten sie nun zu Gescheiten.

Sie wollten wahre Künstler sein.
Sie wollten diese Kunst erlernen.
Das freut den Dritten ungemein.
Ein bisschen Frieden unter Sternen!
Man musste nur das ICH entfernen ...


(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 4. Januar 2018

Leere Waben


Still verschwanden von den Bühnen
dieser Welt die Honigbienen.
Die ich einst in Kindertagen
voller Ängste fortgeschlagen,
sind heut' übersichtlich rare
Einzelgänger-Exemplare.

Früher zogen scharenweise
Bienen summend ihre Kreise
von dem einen Kelch zum andern,
und man sah sie fleißig wandern,
sah sie sammeln und bestäuben
und im Takt des Sommers bleiben.

Aus den vollgefüllten Waben
floss das Süße auf den Klaben,
den die Großmutter mit Liebe
mir bereitet hat, wenn trübe
Augenblicke mich bedrängten
und ins Tal der Tränen zwängten.

Wollten aber flotte Bienen
meine Ängstlichkeit bedienen,
weil sie mir zu nahe flogen,
bin ich eiligst abgezogen.
Ihre vierzehn Millimeter
jagten mich oft Kilometer.

Heute sind sie all' vertrieben.
Keiner weiß, wo sie geblieben.
Einer munkelt: "Pestizide
machten muntre Bienen müde."
"Klimawandel ..." murrt ein schlauer,
im Detail recht Ungenauer.

Wie wir 's drehen oder wenden:
dass die Bienen jäh verenden,
hat der Mensch als Schuld zu tragen.
Wehmut trinkt von Kindertagen,
als die Bienen noch in Scharen
unsere Gesellen waren ...


(c) Bettina Lichtner

2018



Wie ein unbekanntes Land,
jungfräulich und nie betreten,
liegt das Jahr in unsrer Hand,
und wir werden still gebeten,
ihm ein Mitspieler zu sein,
und die Neugier zu erwecken.
Seine Stunden laden ein,
ihr Herz zu entdecken.

Zweitausendachtzehn
liegt so nackt in der Wiege der Zeit.
Nie gesehenes Land dieser Welt,
das so scheu sich ins Rampenlicht stellt.
Unbeschriebenes reinliches Blatt,
noch so fehlerfrei glatt ...

Es ist Wagemut gefragt,
denn die Angst verpasst das Beste.
Wer nicht zaudert oder zagt,
der erobert die Podeste.
Wer ein Abenteurer ist
und vor keinen Stürmen zittert,
wer die Liebe nicht vergisst,
wird nimmer verbittert.

Zweitausendachtzehn
liegt so nackt in der Wiege der Zeit.
Nie gesehenes Land dieser Welt,
das so scheu sich ins Rampenlicht stellt.
Unbeschriebenes reinliches Blatt,
noch so fehlerfrei glatt ...

Aller Anfang ist Magie.
Welch ein Zauber liegt im Warten
auf die Tage, die noch nie
ihren zauberhaften Garten
jemals jemand' aufgetan,
denn inmitten liegt verborgen
ein geheimer Seelenplan.
Wer fürchtet das Morgen?

Zweitausendachtzehn
liegt so nackt in der Wiege der Zeit.
Nie gesehenes Land dieser Welt,
das so scheu sich ins Rampenlicht stellt.
Unbeschriebenes reinliches Blatt,
noch so fehlerfrei glatt ...

Wer die Finsternis nicht scheut,
sich nicht duckt in schweren Stunden,
jenem leckt die gute Zeit
zuversichtlich alle Wunden.
Stellt euch in den Sonnenschein,
baut aus Wolken helle Pfade!
Dieses Jahr lädt wieder ein
an neue Gestade.

Zweitausendachtzehn
liegt so nackt in der Wiege der Zeit.
Nie gesehenes Land dieser Welt,
das so scheu sich ins Rampenlicht stellt.
Unbeschriebenes reinliches Blatt,
noch so fehlerfrei glatt.


(c) Bettina Lichtner