Dienstag, 27. Juni 2017

beherzt geherzt



Ein Schnecklein - scheinbar sehgeschwächt -
verliebt sich in 'nen Löwenzahn.
Verbindungstechnisch wahrlich schlecht,
doch 's Schnecklein scheint im Liebeswahn.

Das Herz in Flammen, wirr der Sinn,
so nimmt es allen Wagemut
und kriecht bis hoch zur Blüte hin,
getrieben nur vom Siedeblut.

Das Ziel erreicht, wird gleich geküsst,
geherzt, gedrückt und vieles mehr.
Dem Löwenzahn, der schweigend ist,
indes ist dieses Tier zu schwer.

Am liebsten würd' er, wenn er könnt'
sich schütteln, bis das Schnecklein fällt,
das sich betört an ihm verbrennt
und eisern sich am Haupte hält.

Da staunt sogar der Schmetterling,
ob dieses Spiels, das er da sieht:
"Die Liebe ist ein komisch' Ding,
das heute grüßt und morgen flieht ..."

Sprach 's aus, flog fort und lacht sich schlapp.
Das Schnecklein gibt sich unberührt,
und ruft ihm kurz gefasst und knapp
noch nach, dass Neid ins Unglück führt.

Der Löwenzahn, der schweigt und schweigt,
derweil das Schnecklein ihn umschlingt,
und ihn ganz unsittlich besteigt,
und ihn in Wut und Rage bringt.

"Was mach' ich nur? Was mach' ich nur?"
Der Löwenzahn sucht weisen Rat.
Ein kurzer Blick zur Himmelsuhr,
dann schreitet er beherzt zur Tat.

Den Kelch geöffnet, fliegt die Spreu
vom Wind gepustet in die Welt.
Vom Schnecklein hört man einen Schrei,
eh es auf harten Boden fällt.

Es kriecht davon, die Nase voll
vom Wind und Spreu und sowieso.
Das kommt davon! Zu liebestoll!
Der Löwenzahn schweigt still und froh.


(c) Bettina Lichtner