Dienstag, 6. Oktober 2015

Schwerelos



Es tanzt in seines Mutters Leibe
ein Kindlein völlig unbeschwert.
Wie ist ihm diese sichre Bleibe
doch mehr als Gold und Silber wert.

Es scheint ja so, als würd' es ahnen,
dass außerhalb der Traulichkeit,
sich manche schwere Wege bahnen,
und manche Ungemütlichkeit.

Als wüsste es, dass nicht nur Freude
entlang des neuen Weges blüht.
Was tut das Leben ihm zuleide?
Stirbt es betagt? Stirbt es verfrüht?

Aus welchem Grunde wird es weinen?
Was wird ihm Frohsinn sein, was Schmerz?
Die Sonne wird nicht immer scheinen
in diesem neuen Menschenherz.

Die Eltern sind bemüht und schützen
ihr Kindchen vor der bösen Welt.
Es soll recht lang auf Watte sitzen,
dass es ja nicht herunter fällt.

Es soll nicht wissen, dass da draußen
auch Lug und Trug und Qualen sind.
Sie halten dieses wahre Außen
recht lange fern von ihrem Kind.

Und plötzlich ist das Kind erwachsen
und bricht aus diesem heilen Raum,
und stolpert über böse Achsen,
und glaubt sich in 'nem schlechten Traum.

Denn niemand hat ihm je berichtet,
wie 's wahre Leben wirklich ist.
Nun hat der Himmel sich verdichtet.
Was ist das, was am Herzen frisst?

Ein Lebensfrust, den 's nimmer kannte.
Es will zurück in Mutters' Schoß,
wo es das Glück sein eigen nannte,
wo 's friedlich war und schwerelos.



© Bettina Lichtner