Montag, 5. Oktober 2015

Die Unbeachtete




Die Vergangenheit klopft an, sich zu beschweren.
Weil man immerzu und ewig an ihr hängt.
Nicht vom Jammer noch vom Schwärmen will sie hören.
Ihr ist 's lästig, dass man ständig an sie denkt.

Denn die Gegenwart erleidet stille Schmerzen.
Kaum beachtet geht sie sang- und klanglos hin:
"Ach, die Menschen wenden gerne ihre Herzen
zum Vergangenen. Wie nutzlos ich doch bin!

Ich bemühe mich um ständiges Gefallen,

doch mein Hier und auch mein Jetzt sind einerlei.
Und stattdessen hör' ich immerzu von allen,
dass es früher doch so schön gewesen sei.

Früher, früher - dieses Wort ist mir zuwider.

Morgen, morgen - dieses Wort ist nur Fiktion.
Aber mich indessen trampeln alle nieder.
Sie verfangen sich in kreisender Vision."

Arme Gegenwart. Wie wahr sind deine Worte.
Niemand kostet deine Einzigartigkeit.
Dabei öffnest du so freundlich deine Pforte,
und empfängst uns stets im frischen, neuen Kleid.

Aber wir, wir gehen rasch an dir vorüber.
Wir erkennen nicht, was DU uns wirklich bist.
Und der Augenblick mit dir geht still hinüber,
dieser eine, der nur jetzt der unsre ist ...


© Bettina Lichtner