Sonntag, 25. Oktober 2015

Auch dir



Lass die betastenden Blicke! Es stört mich,
wenn sie vom Scheitel zur Fußferse wandern.
Glaubst du denn wirklich, es ziemt und gehört sich,
dieses begierige Schau'n nach der andern?

Wie ich mir wünschte, ich wär' eben diese,
die deinen Kopf so mit Sehnsüchten flutet.
Doch ich erleb' eine innere Krise!
Merkst du denn nicht, wie die Seele mir blutet?

Ja, ich bin alt und bisweilen gebrechlich.
Sie ist so jung, so erfrischend, und schüchtern.
Ja, sie ist zart, du verfällst ihr so schwächlich.
Neu gegen alt (ich betrachte es nüchtern).

Wisse, mein Liebster, was jetzt so verfänglich,
bleibt ja nicht immer in süßlicher Hülle.
Alles, was blüht, ist am Ende vergänglich.
(Sage nicht ich! Es ist göttlicher Wille!)

Laster und Lust bergen Leid und Verderben.
Halt' die Gedanken in ehrlichen Bahnen!
Gehst du zu ihr, wird das Unsrige sterben!
Dies sei ein leises, doch ernstes Ermahnen!

Bist du so wirr von dem Teint ohne Falten?
Sei auf der Hut! Man verbrennt sich am Feuer!
Frei. Du bist frei. Nimmer werd' ich dich halten!
Früher war ich 's, die dir lieb war und teuer.

Furchtbare Welt, wenn 's nur geht um das Eine.
Ist da nicht mehr, als durch Betten zu springen?
Ja, ich bin alt, und ich sag', was ich meine.
Aber auch dir wird man 's Sterbelied singen ...



© Bettina Lichtner