Dienstag, 7. Juli 2015

Schleich dich




"Geht 's nicht schneller mit der Reise?",
fragt in rauer Art und Weise
ein gestresster Gliederfüßer
eine Schnecke. Diese: "Süßer,
eile doch wie ich mit Weile
und genieße Meil- um Meile!"

Doch des Gliederfüßers Schritte
gleichen einem flotten Ritte.
Und die nimmermüden Beine
jagen über Kieselsteine,
so als würd' ein Sturm sie treiben.
"Keine Zeit zum Stehenbleiben!",

schreit der Füßer hin zur Schnecke.
Diese wieder: "ICH entdecke
dank mir zugedachter Stille
eine Welt in Hüll- und Fülle.
Eine Welt der kleinen Freuden.
Gott sei Dank bin ich bescheiden ..."

Drauf der Füßer: "STILLGESTANDEN!!!"
Seine vielen Füße fanden
sich in ungewohnter Pose.
(Sonst gewöhnlich Ruhelose,
sind sie nun zur Rast gezwungen,
was im Mittelmaß gelungen.)

Und die Schnecke: "Hoppla. Pause?"
"Nennen Sie mich Zeitbanause",
sagt der Füßer, "meinetwegen.
Gern wollt' ich die Ruhe pflegen,
wollt' wie Sie die Fülle finden
und mich jeder Zeit entbinden,

doch der Schöpfer aller Wesen
hat mich ausgewählt zum Pesen.
Und so lauf' ich wie besessen,
während Sie ganz zeitvergessen
von Punkt A zu B sich schleichen,
und im Glücksfall auch erreichen.

Aber wehe, wehe, wehe,
wenn ich auf die Räder sehe,
die euch Schnecken jäh zerdrücken
und ins Paradiese schicken!
Oder auf die vielen Krähen,
die Euch gern als Mahlzeit sähen.

Ach, was nützen dann die Freuden
und die kleinen Augenweiden,
wenn kein Weg der Flucht gegeben -
mangels Fuß und Beine eben?",
fragt der Füßer atemhechelnd.
Und die Schnecke, milde lächelnd,

spricht zu ihm: "Bedenke eines:
Jedes Leben, meines, deines,
sei 's ein Schleichen oder Rennen,
wird sich von der Stunde trennen.
Aber - und das lass' dir sagen:
eh mich Englein heimwärts tragen,

habe ich mit allen Sinnen,
sowohl außen als auch innen,
alles auf mich wirken lassen.
Käm' der Tod, um mich zu fassen,
nun, ich wär' voll Dankbarkeiten
ob der vielen Kleinigkeiten

rechts und links der kurzen Strecke."
Und so kroch die kleine Schnecke
weiter auf dem Staub der Erde:
"Sattle du nur deine Pferde".
rief sie noch zum Füßer rüber,
"Adios, ich schleich' mich lieber."

Und der Gliederfüßer rannte,
so als ob 's kein morgen kannte.
Und so ist es eingetreten:
plötzlich kam sein Herz in Nöten,
und der Puls kam zum Erliegen,
und dann sah man Englein fliegen ...

Bleibt zum Schluss noch zu erwähnen,
dass ihn viele Schneckentränen
bis zum Gehtnichtmehr beweinten.
Fazit also: Welche meinten,
schneller Fuß entwischt dem Ende,
lesen des Gedichtes Wende ...


(c) Bettina Lichtner


"Ein heilloser Mensch, ein nichtswürdiger Mann, wer einhergeht mit trügerischem Munde, wer winkt mit den Augen, gibt Zeichen mit den Füßen, zeigt mit den Fingern, trachtet nach Bösem und Verkehrtem und richtet allezeit Hader an. Darum wird plötzlich sein Verderben über ihn kommen, und er wird schnell zerschmettert werden, und keine Hilfe ist da." (Sprüche 6, 12-15)