Sonntag, 28. Juni 2015

Immer auf die anderen



Was nörgelst du an mir herum?
Ich weiß um meine Macken.
Halt lieber ein und bleibe stumm!
DEIN  Fehler-Sammelsurium
sollst du beim Schopfe packen.

Eh du den Nächsten kritisierst,
sollst du dich selbst befragen.
Statt dass du andere studierst
und Kragen gar und Kopf riskierst,
hast du genug zu tragen

an deinem mangelhaften Ich.
Auf andere zu schauen
ist wahrlich einfacher für dich,
doch lassen sich aus Hieb und Stich
nur selten Brücken bauen.

Was dir beim Nächsten nicht gefällt,
erzählst du gern ausführlich.
Doch deine eigne Schattenwelt
wird möglichst nicht ins Licht gestellt.
Wie bist du despektierlich ...

So suchst du nun tagaus, tagein
des andren Fleck zu finden,
lädst Schimpf und Schande zu dir ein,
doch sähest du in dich hinein:
du fändest lauter Sünden.



(c) Bettina Lichtner


"Richtet nicht, so werdet Ihr auch nicht gerichtet. Richten und über den Nächsten urteilen, kann erlaubt und unerlaubt sein. Obrigkeiten fällen mit Recht ein Urteil über den, der verklagt wird, der eine Übeltat begangen hat. Also auch die Eltern beurteilen mit Recht ihre Kinder, und Herrschaften ihres Gesindes Verhalten. Den Nächsten richten, sein Tun beurteilen, in seiner Gegenwart ihn vom Bösen abmahnen, die Gefahr vorstellen, seine Werke, Verfahren und Beginnen missbilligen, wenn es in Liebe und mit Bescheidenheit geschieht, ist ein Balsam und ein freundliches Schlagen eines wahren Freundes. Den Nächsten richten, in seiner Abwesenheit, ihn allerlei beschuldigen, ist unchristlich und verdammlich. Seele! Nimm dir diese Regel zur Lehre: rede von deinem abwesenden Nächsten also, als ob er dabei stände, und was du nicht getrauest von ihm zu sagen in seiner Gegenwart, das rede auch nicht in seiner Abwesenheit." (Johann Friedrich Starck)