Dienstag, 26. Mai 2015

Vom Rabenvater, der ein Hase war



Auf offner Wiese: Hasenstreit.
Sie zetert wie von Sinnen.
Er kontert barsch: "ES TUT MIR LEID!!
Lass uns von vorn beginnen!"

Wollt' Ihr den Grund von diesem Zwist
denn allen Ernstes hören?
Der Hasenmann sitzt da und frisst
sich satt an Nachbars Möhren.

Jetzt schaut Ihr etwas fragend drein.
"Was ist daran so bitter?
So lass' den Mann doch fressend sein.
Was soll nur das Gewitter??"

Die Hasenfrau hat aber Grund,
sich heftig zu brüskieren,
und laut mit ihrem Hasenmund
den Aufstand zu riskieren.

Derweil ihr Mann sein Bäuchlein füllt,
sitzt sie mit sieben Kindern,
die hungrig sind, doch keiner stillt
den Ruf von sieben Mündern.

Sie hatte zwar den Mann geschickt,
ums Leibwohl sich zu kümmern,
doch fraß er gleich, was er gepflückt,
und ließ die Kinder wimmern.

Saß schmatzend da in Nachbars Feld
und ließ sich 's herrlich munden.
Die Frau hat ihm dann nachgestellt
und also so gefunden,

wie er die Möhren still genoss.
Da platzte ihr der Kragen.
Sie nannte Reiter und auch Ross,
und ward nicht still, zu klagen:

"Ein Rabenvater bist du wohl !!
Die Kinder lässt du schmachten,
und frisst hier Möhren oder Kohl,
ohn' deine Brut zu achten."

Der Hasenmann - erfüllt von Scham -
rupft Möhren nun um Möhren
heraus, die seine Frau ihm nahm,
zu bringen ihren Gören.

Sie trug ihm lang noch hinterher
sein egomanes Walten.
Erst als er sprach: "Es reut mich sehr!!",
konnt' sich das Glück entfalten.



(c) Bettina Lichtner

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