Freitag, 3. April 2015

Holz statt Fleisch



Wer ist 's, der da so flatternd sitzt
und nicht dem Fleck entrinnt?
Ein Enterich - aus Holz geschnitzt -
ist 's, der seit hundert Jahren schwitzt,
und nichts an Raum gewinnt ...

Es steckt sein holzgeformter Bauch
ganz fest auf einem Stab.
Zwar sind die Flügel in Gebrauch,
die Vorder- und die Rückfront auch,
jedoch ... er hebt nicht ab.

Denn Schrauben, Nägel, Leim und Co.,
die hindern ihn am Flug.
Der arme Kerl. Er müht sich so.
Schaut unbeirrt und gibt sich froh,
und hält sich wohl für klug.

Da kommt ein kleiner Bub daher
und schimpft die Ente dumm.
Er tritt nach ihr, da steht sie quer,
Tritt nach und schlägt und noch viel mehr -
da fällt die Ente um.

Ein Flügelchen ragt in die Höh',
der andre liegt im Dreck.
Das Tragikspiel lockt gleich ein Reh.
Es schreit entsetzt: "Oh jemine!!"
Da rennt der Knabe weg.

Das Reh - erfüllt von Mitgefühl -
stellt 's Entlein wieder hin.
Dem Holzgesellen bringt 's nicht viel,
denn es steht weiter auf dem Stiel
und flattert ohne Sinn,

und blickt dabei auf einen Teich
jahrein, jahraus, jahrein.
Das Holzvieh weint und lacht zugleich,
und fühlt sich plötzlich mehr als reich!
Was mag geschehen sein?

Das folgende: Ein Jägersmann
schoss aus dem nahen Wald
auf einen echten Entenmann,
des Tag just auf dem Teich begann,
bis dass die Büchse knallt'.

Der Enterich - aus Holz geschnitzt -
hat eiligst umgedacht.
Ihm ist ein Geistblitz aufgeblitzt,
denn weil er fest im Boden sitzt,
hat 's ihn nicht umgebracht!

Und bringt ihn mal ein Kind zu Fall,
und schlägt und tritt darauf,
was soll es schon? Vom Büchsenknall
und dem so jähen Sterbefall
steht keiner wieder auf.


(c) Bettina Lichtner

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.