Dienstag, 17. März 2015

still & treu



Ein altes Haus. Zerklirrtes Glas.
Die Wände allsamt farbverschmiert.
Die Menschen fort. Der Schimmel saß
im Mauerwerk und fraß und fraß,
und hat an der Substanz gerührt.

Hier nimmt ein Unheil seinen Lauf.
Die Uhr tickt ohne Unterlass.
Es steht das Grundstück zum Verkauf.
Das kommt dem alten Haus darauf
so ganz und gar nicht gut zupass.

Es denkt zurück, sehr weit zurück.
Denkt an die leuchtend schöne Stund'.
Denkt an das groß- und kleine Glück,
den schweren und den leichten Blick,
und an den frohen Kindermund.

Denkt an die muntre Gästeschar,
das laute und das leise Wort,
an all die Feste übers Jahr ....
Und seufzt, weil 's gar so köstlich war.
Und weint, weil 's nun für immer fort.

Das Haus war treu. Die Menschen nicht.
Bei Tag und Nacht hat 's sie beschützt.
Dann kehrten sie ihm das Gesicht,
und dass es ihm das Herz zerbricht,
das hat ihm auch nicht mehr genützt.

Und wie es da so traurig stand,
da kam ein Mann und mustert 's sehr.
Er klopfte an die alte Wand,
und murmelte ein "allerhand ...",
und tat sich in Gedanken schwer.

Ein andrer Mann (mit Schlips und Frack)
trat nun hinzu. "Was sagen Sie?
Das Grundstück TOP. Das Haus ein Wrack.
Ich sag nur Abriss, und das Zack!!
Erspart viel Zeit und Geld und Müh'."

Jedoch, jedoch (das Häuschen bebt),
der Mann, der es gemustert hat,
sagt klipp und klar: "Das Haus hier lebt!
Ein Abriss wird nicht angestrebt.
Das Schmuckstück macht mir keiner platt."

So kriegt das Haus ein frisches Kleid.
Da blüht es auf, da strahlt es neu.
Nun wartet eine schöne Zeit
nach langer, langer Einsamkeit.
Und wieder dient es still und treu.



(c) Bettina Lichtner



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