Donnerstag, 5. März 2015

heute rosa, morgen?



Bis spät in die Nacht hat das Herz dran gefeilt,
hat Worte geschnitzt und Gefühle geteilt
in gar so bezaubernder Weise.
Dann hat sich Stunde besonders beeilt
(die sonst in belanglosen Dingen verweilt)
und schickte den Brief auf die Reise.

Bald hielt ihn die Liebste in zitternder Hand.
Ihr Puls ist im Wechsel gehüpft und gerannt,
und Glut füllte Seele und Wangen.
Der Brief spülte heimliche Träume an Land.
Und alles, was zwischen den Zeilen sich fand,
war sehnlichstes süßes Verlangen.

"Oh, Liebster", so säuselt der weibliche Mund,
"du tust mir so offen dein Inneres kund,
ich möchte vor Scham fast versinken.
Du malst mir die Liebe so herrlich und bunt,
als gäb 's keine Kanten im himmlischen Rund,
als gäben sich Küsse die Klinken.

Dein Brief möchte brennen, er liest sich so heiß.
Er hält mich gefangen und deutet mir leis'
wie sehr das Begehren doch lauert.
Es dreht sich das Wort mit der Wollust im Kreis.
Als gäb 's nur ein rosa. Kein schwarz und kein weiß.
Hat Rosa denn je überdauert?

Du malst eine Zukunft mit dir und mit mir,
und bittest mein Herz durch die wartende Tür,
am liebsten noch heute als morgen.
Im Brief stehen tausende Rosen Spalier.
Du gibst dich als freundlicher Wort-Kavalier,
bereit, mich verliebt zu umsorgen.

Du hältst um die Hand, die noch zögerlich ist.
Und weil du ein trefflicher Briefschreiber bist,
so will 's ich mir wohl überlegen.
Doch wenn du aus anderen Weibshänden frisst,
und schnell meinen Namen und alles vergisst,
dann gehst du dem Schnitter entgegen ...



(c) Bettina Lichtner

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