Dienstag, 10. März 2015

Der Stich



Ein junger Mann streift durch das Feld,
bis er vorm Gänseblümchen hält.
Er zupft es ab und rupft 's entzwei
und fragt sich insgeheim dabei:

"Ob sie mich liebt? Vielleicht, vielleicht ...
Vielleicht auch nicht ..." (Sein Teint erbleicht).
So fragt er fort bei jedem Blatt,
bis es ein einziges noch hat ...

Ein einziges steht schweigend da,
und deutet auf ein JA. Ein Ja ...
Der junge Mann wird kreislaufschwach.
Er eilt schnell zum nahen Bach

und wirft sich Wasser ins Gesicht.
"Sie liebt mich!! JA!!" Die Stimme bricht.
Der Ärmste weint, vor Glück gerührt,
derweil das Gänseblümchen friert.

Das kleine Blümchen in der Hand,
das eben noch so blühend stand,
es starb dahin fürs Ja und Nein,
und wollt' so gerne lebend sein.

Wen kümmert 's schon? Der Mann ist wirr.
Rennt durch das Feld als sei er irr.
Stürmt zu der ausgewählten Maid,
und fragt sie froh: "Bist du bereit???"

Sie sieht ihn an. Verdutzt, entsetzt,
weil er verrückte Dinge schwätzt,
und weiß nicht recht, was er nun will.
Drum bleibt sie lieber mäuschenstill,

bis sie den Balz-Gesang durchschaut:
er träumt von ihr als seine Braut,
nur weil ein Gänseblümchenblatt
ihm irgendwas orakelt hat.

"Du liebe Zeit. Sie wollen mich
gar ehelichen? NEIN." Ein Stich
direkt hinein ins Männerherz.
Er (weinerlich): "Ein NEIN? Kein Scherz???"

Sie schüttelt mit dem Kopf! Recht stur.
"Oh Gott, oh Gott .... was mach' ich nur?",
denkt sich der Mann. Sein Ego liegt
am Boden, weil es Haue kriegt.

Er geht zurück. Ins Feld. Allein.
Und möchte nicht gesehen sein.
Lässt allen Tränen freien Lauf
(das richtet ihm die Seele auf).

Das Gänseblümchen (jetzt Skelett)
kriegt nicht mal eine Ruhestätt'.
Es dorrt dahin im hohen Gras,
wo 's eben noch so fröhlich saß ....



(c) Bettina Lichtner


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