Samstag, 28. Februar 2015

Die Schalterfrau



Die Frau am Schalter lächelt müde.
Von tausend Menschen tausend Fragen.
Am liebsten würd' sie ihnen sagen,
dass sie es bleiben lassen sollen
das "bis-ins-Kleinste-wissen-wollen".
Sie sagt es nicht. So siegt der Friede.

Ihr Job ist "freundlich Auskunft geben".
Acht Stunden lang. Acht lange Stunden.
Sie hat auch ein Ventil gefunden,
falls ihr der Kragen platzen möchte:
dann malt sie senk- und waagerechte
ganz zarte Striche, die sich weben.

Wohl an die hundert Webfiguren
aus Kugel- oder Bleistiftmienen
sind 's täglich, die dem Ziele dienen,
nicht aus der müden Haut zu fahren.
Da sammelt sich was mit den Jahren ...
Die Nerven liessen ihre Spuren.

Am Anfang der Berufskarriere,
da war die Frau noch voller Eifer.
Die Zeit verging, sie wurde reifer,
allein der Eifer kam abhanden.
Wo gestern Nettigkeiten standen,
ist heute eine Lust-Barriere.

Und die ist kaum mehr zu erklimmen.
Denn immerzu auf gleiche Fragen
das immer gleiche Wort zu sagen,
das ist der Schalterfrau zuwider.
Die Auskunftslust verlässt die Glieder.
Tagein, tagaus nur Menschenstimmen ....

Jedoch, jedoch ... was soll sie machen?
Sie muss noch zwanzig Jahre schaffen.
Noch zwanzig Jahre Kräfte raffen.
Und dann von karger Rente leben.
Noch zwanzig Jahre Auskunft geben.
Sie spielt gekonnt mit müdem Lachen ...



(c) Bettina Lichtner


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