Samstag, 21. Februar 2015

Atembilder



Fremder Atem klebt an Scheiben.
Jemand malt ein Bild darauf
(scheinbar nur zum Zeitvertreiben).
Doch es ist der stete Lauf,
dass nicht Bild noch Atem bleiben.

In der U-Bahn herrscht das Schweigen.
Haut an Haut, stationenlang.
Augen, die sich nicht beäugen ...
Blicke, Schweigen, Atemklang -
welch ein seltsames Verzweigen.

Was sie all' wohl denken mögen?
Tragen sie den Tag nach Haus?
Ob sie ihn ad acta legen?
Zieh'n sie ihm die Kleider aus?
War er Fluch vielleicht statt Segen?

Und die Menschen kommen, gehen.
Und die U-Bahn fährt und hält.
Keinen werd' ich wiedersehen!
Eine anonyme Welt
ist die Bahn, in der wir stehen ...

Neben mir sitzt zehn Minuten
eine Frau und liest den Brecht.
Zehn Minuten. Dann ein Sputen,
und am Ausgang ein Gefecht
zwischen Bösen und den Guten ...

Ein- und Ausstiegsdrängeleien.
Türen zu. Die Fahrt geht fort.
Zugestiegene verleihen
hier und da ein kurzes Wort,
eh sie sich zum Schweigen reihen.

Neben mir sitzt wieder eine
alte Frau, recht warm verhüllt.
Und ihr Atem - auch der meine -
klebt am Fenster, wird ein Bild
und verschwindet von alleine ....



(c) Bettina Lichtner

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