Donnerstag, 7. Juni 2018

Die Wetterpille



Den Menschen ist nichts recht zu machen:
erst lechzen sie nach Sonnenstrahlen,
dann strömt der Groll aus ihrem Rachen,
wenn sie sich in der Hitze aalen,
weil 's gar zu heiß ist alle Tage.
Fürwahr eine verzwickte Lage ....

Und wenn sich graue Wolken zeigen
und wochenlang der Regen schüttet,
beklagen sie den nassen Reigen,
der ihre Pläne jäh zerrüttet.
Auch Eis und Schnee und Sturmgetöse
stimmt sie bei langer Dauer böse.

Sie mögen keine Kapriolen,
da spielt der Kreislauf ihnen Streiche.
Derweil genießt ganz unverhohlen
das Eichhorn in der prallen Eiche
die wechselhaften Wetterseiten,
die weiter nichts als nichts bedeuten.

Ein Klimawandel sei im Gange,
wird querfeldein und -aus vermutet.
Man wähnt sich in der Wetterzange,
sobald die Flut die Straßen flutet,
sobald die Glut die Saat vernichtet,
die Brise sich zum Sturm verdichtet.

Es ist das Wetter ja im Grunde
bei jedem Treffen federführend.
Sein Treiben ist in aller Munde.
Das erste Wort ist ihm gebührend.
Doch ob wir 's loben oder hassen:
das Wetter bleibt indes gelassen.

Der Mensch, der kleine Naseweise,
nähm' gerne Petrus in die Mangel,
und gibt sich doch mucksmäuschenleise
bei jedem himmlischen Gerangel
um Sonnenstrahl und Regengüssen.
Er wird sich Petrus fügen müssen.

Es ist wie 's ist. Ob wir nun lachen,
ob wir nun loben, jammern, leiden:
Am Wetter kann man gar nichts machen,
als sich entsprechend anzukleiden.
Wer nimmt, wie 's kommt, weilt in der Stille
und schluckt vergnügt die Wetterpille.


(c) Bettina Lichtner



Donnerstag, 24. Mai 2018

Der Räuber



Auf der Straße ist das Handy unser Herr,
dem wir stets getreulich dienen und auch brav gehorsam sind.
Wenn es klingelt, interessiert der Rest nicht mehr.
Wir vergessen unsere Freunde, unsre Liebste, unser Kind.
Wir sind geradezu besessen
von dem Handy, doch indessen
zieht das wahre Leben rasch an uns vorbei.
Doch es wäre wohl vermessen
dieses Ding zu Schrott zu pressen,
denn dann gäbe es ein großes Wehgeschrei.
Dieses Handy hat uns fest in seiner Hand.
Und es raubt uns noch den kleinen Rest Verstand.

Auf der Straße sind die Handynutzer blind
für den Menschen gegenüber oder jenen nebenan.
Wenn sie abgelenkte Fahrzeugführer sind,
hat das Schicksal bald mit Leichtigkeit sein Tagewerk getan.
Die gebannt gesenkten Blicke
sind die neumoderne Tücke,
und sie haben manchen Faden früh gekappt.
Wenn ich Nachrichten verschicke,
mich aus jedem Blickfeld rücke,
werd' ich unversehens aus der Zeit geschnappt.
Dieses Handy hat uns fest in seiner Hand.
Und es raubt uns noch den kleinen Rest Verstand.

Auf der Straße macht das Handy, was es will.
Es macht alle Menschen hörig, gerade wie es ihm gefällt.
Nicht am Tag, noch in der Nacht verharrt es still.
Ihm gehören die Sekunden. Ihm gehört die ganze Welt.
Doch das meiste, was es sendet,
ist ein Trugbild, das verblendet,
und von wahrlich nur geringer Wichtigkeit.
Ob das Blatt sich jemals wendet?
Ob der Wahnsinn jemals endet?
Ich vermisse dich, du gute alte Zeit ....
Dieses Handy hat uns fest in seiner Hand.
Und es raubt uns noch den kleinen Rest Verstand.

Dieses Handy hat uns fest in seiner Hand.
Ja, wir ziehen aus demselben die Identifikation.
Nimm es weg, und es entsteht ein Flächenbrand.
Welch ein Albtraum auf der Erde seit der Zivilisation.
Tiere wundern sich und fragen,
was die Menschen da wohl tragen,
dass das Augenmerk so sehr gefangen nimmt,
dass sie kaum ein Wort mehr sagen,
wenn sie übers Display jagen,
das ganz augenscheinlich alle Zeit bestimmt.
Dieses Handy hat uns fest in seiner Hand.
Und es raubt uns noch den kleinen Rest Verstand.


(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 17. Mai 2018

Wir sind, was wir denken



Ein Gedanke spukt und quält
tags und nachts nach hehrer Lust.
Hat sich meinen Kopf gewählt,
drückt auch schwer auf meiner Brust.
Schickt die Stimmung auf den Mond,
wo sie einsam nach mir schreit,
während der Gedanke thront
wie ein Herrscher. Machtbereit.

Welche Richtung ich auch schlag,
immer schlägt er auf mich ein.
Wie so schwer ich an ihm trag ...
Er versklavt mich, macht mich sein.
Ganz gebeugt schon ist mein Gang,
meine Haltung ganz gekrümmt,
in mir hallt ein Wehgesang,
der mich aus der Stunde nimmt.

All mein Wirken ohne Freude.
Meine Zunge wie gelähmt.
Welches Tun ich auch bekleide,
alles wirkt so ungezähmt.
Keine Klarheit mehr vor Augen.
Hinterm Schleier lacht die Welt.
Möcht' von ihrem Leuchten saugen,
fühl' mich aus der Zeit gestellt.

"Geh, Gedanke, weiche, fliehe.
Deine Botschaft lebt vom Trug.
Spar dir deine stete Mühe,
denn es ist mir nun genug.
Ich durchschau' dein böses Treiben,
und verderbe dir das Spiel.
Raus mit dir. Du kannst nicht bleiben.
Nimmer jubelst du im Ziel."

Ach, und plötzlich? Welch ein Strahlen.
Der Gedanke nimmt den Hut.
Und die guten Mächte prahlen
lauthals voller Übermut.
Raus mit allen Bösewichten,
die dem Kopf zum Schaden sind.
Ihre haltlosen Geschichten,
machen für die Wahrheit blind.

Denn wir sind ja, was wir denken.
Was wir denken, sind wir auch.
Achtsamkeit dem Geist zu schenken,
ist ein unschätzbarer Brauch.
Unkraut wildert gern im Garten,
drum muss es vernichtet sein,
denn darunter, wisset, warten
Blumen und der Sonnenschein.


(c) Bettina Lichtner

Samstag, 5. Mai 2018

Einblicke



Die Kamera des Fotografen
liebäugelt mit dem Jetzt und Hier.
Wo andres Menschen Augen schlafen,
nimmt sie das Leben ins Visier.

Sie fokussiert das Unscheinbare,
das Hungrige im Überfluss,
das Nebulöse und das Klare,
des Daseins bittersüßen Kuss.

Lässt Bilder tausend Bände sprechen,
gibt tausend Bänden ein Gesicht,
lässt Brandungen an Herzen brechen,
und holt die Nacht ans Tageslicht.

Bleibt unberührt bei Freudentänzen,
und ebenso im tiefsten Leid.
Dass Froh- und Trübsinn sich ergänzen,
zeigt sie mit stummer Deutlichkeit.

Sie liebt das Spielen mit dem Feuer.
Dem schönen Schein gibt sie ein Sein.
Sie macht die Welt zum Abenteuer,
und lädt uns zum Entdecken ein.

Wo Hüllen, Masken, Träume fallen,
da hält sie fest, was sich enttarnt.
Und lässt die Zeit die Korken knallen,
ist sie 's, die den Moment umgarnt.

Wo Mindeshaltbarkeiten schwinden,
bewahrt sie für die Ewigkeit.
Dem Ziel, des Pudels Kern zu finden,
folgt sie mit stiller Wachsamkeit.

Sie schreit heraus in tiefem Schweigen.
Dem Pfeil gleich, der schmerzhaft bohrt,
will sie das Abgrundtiefe zeigen,
und braucht dazu nicht Klang noch Wort.

Auch taucht sie gern ins farbenfrohe,
ins bunte, pralle Leben ein,
und lässt die düstere und rohe
Minute mal vergessen sein.

Und doch entgeht ihr noch so vieles
am rechten Ort zur rechten Zeit,
im Kreislauf dieses Lebensspieles
von Werden und Vergänglichkeit .....



(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 22. März 2018

Feind von oben


Über mir ein leichtes Summen!
Falsch beschrieben. Mehr ein Brummen!
Hochgeguckt, entlarvt alt Drohne.
Hängt in grüner Eichenkrone.

Hat sich ungewollt verflogen.
Fühlt ein Specht sich angezogen
von dem ihm so unbekannten,
herzlosen und unbemannten.

Tock, tock, tock, der Specht schlägt Beulen
ins Objekt, es zu zerteilen.
Will den Eindringling verjagen,
geht ihm deshalb an den Kragen.

Schnabel gräbt sich ins Gehäuse
auf recht rabiate Weise.
Schrauben lösen sich, verschwinden.
Schwer, sie jemals je zu finden.

Schnabel reißt in tausend Stücke,
braucht dafür nur Augenblicke.
Endlich ist der Feind erlegen.
Specht zufrieden. Doch, von wegen ...

Mensch kommt näher. Rachgelüste.
Specht nervös. Oh, wenn er wüsste ...
Kugeln fliegen um die Ohren.
Leben, ach, du bist verloren.

Drohne, Specht - nun Himmelskinder.
Mensch, was bist du für ein Sünder!
Drohnen gilt es zu verfluchen.
Haben nichts im Baum zu suchen ....


(c) Bettina Lichtner