Samstag, 24. Februar 2018

Die Flucht des Matrosen


Einst schipperte ein Jung-Matrose
- Jahrzehnte ist es her -
mit einer dunkelroten Rose
im Boot auf einem Meer.

Er hat das Weite suchen wollen,
zu eng war 's ihm an Land.
Dort hätt' er Hochzeit feiern sollen,
was er erdrückend fand.

Die Rose, die ihm nun zur Seite,
war für die Braut gedacht,
verfehlte sie um Haaresbreite
und hat sich rar gemacht.

Der Duft der Blume und die Wellen,
dazu der raue Wind  ---
die Freiheit weiß um die Gesellen,
die ihrer nützlich sind.

Das offne Meer! Matrosen-Lachen!
Die Ehe? Über Bord ...
Kein Ringlein kann ihn dingfest machen.
Das Nein sein Lieblingswort.

Er wirft die Kräfte in die Ruder,
kein Land ist mehr in Sicht.
Die Braut nimmt sich den Zwillingsbruder,
weil er sich ihr verspricht.

Und der Matrose? Bleibt verschwunden.
Die Sippe spekuliert:
"Vielleicht hat er den Tod gefunden
und sich verkalkuliert.

Vielleicht hat ihn ein Wal gefressen.
Vielleicht kam er zurück,
versteckte sich und hofft indessen
auf neues Liebesglück.

Hat ihn ein Frachter aufgelesen?
Fand er ein Eiland gar?"
Die Sippe zog diverse Thesen
herbei an manchem Haar.

Das Boot samt Rose ist gestrandet,
wo 's niemand je gedacht:
dort, wo die Macht des Meeres brandet,
hat es Station gemacht.

Doch den Matrosen fand man nimmer.
Man denke, was man will.
Sein angedachtes Frauenzimmer
weint um den Liebsten still.


(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 22. Februar 2018

Rattenfänger


Am Baume stand ich angelehnt.
Am Stamm der hundert Ringe,
und habe mich hinfort gesehnt
vom Ort der tausend Dinge,

von dem Zuviel des Drumherum,
den Werten ohne Werte,
dem ganzen Sammelsurium,
das nichts als Habgier lehrte,

das Müllberge hervorgebracht,
und Schuldenfallen streute.
Die nimmermüde Werbeschlacht
macht fortwährende Beute.

Wir laufen blindlings hinterher,
als rief' ein Rattenfänger:
"Kauft dies, kauft das, kauft immer mehr!!"
ICH folge dem nicht länger!!

Es ist genug. ES IST GENUG!
Was gibt es noch zu brauchen?
Bald kommt der letzte Atemzug,
das letzte Lebenshauchen,

und uns umgibt ein Meer aus Müll ...
Wir nehmen nichts mit rüber!
Es reicht mit all dem Werbe-Drill.
Ach, ich enthalt' mich lieber.

Ihr könnt frohlocken, wie 's beliebt:
mein Geldhahn bleibt geschlossen,
weil 's "WILL-ICH -HABEN" nicht mehr gibt.
Jetzt wird das Sein genossen!


(c) Bettina Lichtner

Mittwoch, 21. Februar 2018

Das Tagebuch


Die alte Frau im Heim der Alten
hat still ihr Tagebuch gehalten,
und liest darin und lässt es sinken,
denn die Erinnerungen trinken
von Tagen, die nach Wehmut schmecken.
So schön, sie wieder aufzuwecken ...

Dort sind die frohen Kinderstunden
in viele Zeilen eingebunden
und atmen weiter, so als seien
Erinnerungen ihr Gedeihen.
Sie leben auf durchs stete Lesen,
als seien sie nie fort gewesen ...

Sie tanzen auf dem Seil der Zeiten
wie eh. Kein Wort von Neuigkeiten.
Die Schritte, die sie einstmals gingen,
geh'n, wie die Zeilen sie einst fingen,
und wie der Stift sie einst geschrieben.
Wie Freunde, die zur Seite blieben.

Vor Augen geben alte Tage
ihr Stelldichein, mal klar, mal vage.
Dort wird lebendig, was verloren.
Die innren Augen, innren Ohren
ergötzen sich am Altbekannten,
am Glühen alles Eingebrannten:

Da hüpfen kleine Kinderbeine
vergnüglich über Stock und Steine.
Der Puppenwagen wird geschoben,
und Omas alte Garderoben,
die kleinen Kindern so gefielen,
sind herrlich zum Theaterspielen.

Da flechten Blumen sich zu Kränzen,
da fassen Hände sich zu Tänzen,
es spielt der Opa Hoppereiter
und klettert auf die hohe Leiter,
um Drachen aus dem Baum zu graben,
die sich darin verfangen haben.

Da backt der Vater einen Kuchen,
und lacht, denn bei den Backversuchen
vergisst er Eier oder Butter
und erntet Schelte von der Mutter,
die dann zum Bäckerladen radelt
und dort nochmals den Vater tadelt.

Ja, ja .... durchs Tagebuch zu wandern
von einer Stunde hin zur andern,
das macht die alte Frau zu gerne.
Dann ist sie glücklich. Das Moderne,
das schreibt sie nirgendwo mehr nieder.
Sie liebt den Klang der alten Lieder ...


(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 15. Februar 2018

Übersetzungsversuche


Auf dem Schornstein thronen sieben schwarze Raben,
über weltliche Belange ganz erhaben.
Und sie krächzen um die Wette !
Wenn ich doch verstanden hätte,
an welch' Dingen sich die Rabenseelen laben.

Doch ich weiß es nicht, drum muss ich phantasieren,
über was die Federschwarzen diskutieren:
Ob sie hoch auf den Gemäuern
ihre Beutezüge feiern?
Oder ob sie einen Schlager komponieren?

Vielleicht planen sie vom Ausblick der Kamine
ganz begeistert einen neuen Flug ins Grüne?
Sie besprechen ihre Route
bis ins kleinste der Minute,
unter Anbetracht der sonstigen Termine.

Kann auch sein, dass sie den Gruppenzwang benutzen,
um verbal das Nest der Taube zu beschmutzen,
die im Laubbaum um die Ecke,
zwischen Brom- und Lorbeerhecke,
vier, fünf Stunden braucht, die Brutstätte zu putzen.

Vielleicht sind sie allsamt Re-Inkarnationen,
deren Seelen nun in Rabenkörpern wohnen!?!
Kann doch sein, sie waren Leute
mit dämonenhafter Seite,
die nun Raben sind als strafende Lektionen!?

Oder sind sie die berühmten Sieben Weisen,
deren Worte um den Stein der Weisen kreisen?
Sind sie schlaue Professoren?
Sind sie Herrscher? Diktatoren?
Gar Schmarotzer, die von Überflüssen speisen?

Sind es Herren? Sind es Damen? Schwer zu sagen ...
Zwei Parteien, die sich einfach nicht vertragen?
Sind 's Geschlechter-Rangeleien?
Oder Gruppen-Liebeleien?
Sind es Mütter in Gesprächen ob der Blagen?

Oder höre ich die Raben etwa lachen,
weil die Menschen sich 's so schwer im Leben machen?
Ach, ich würde gern' verstehen,
wie die Raben Menschen sehen.
Vielleicht seh'n sie uns als habgierige Drachen?

Tausend Möglichkeiten könnte ich erdichten
über sieben Raben und die Krächz-Geschichten.
Könnte dieses, jenes schreiben,
doch ich lasse es nun bleiben,
denn schlussendlich ist 's ein Haufen von Gerüchten.


(c) Bettina Lichtner

Tausche Sein gegen Nichtsein



Es strandet am Ufer das todmüde Leben
und sehnt sich zur anderen Seite.
Es möchte sich selbst keine Stunde mehr geben,
und lechzt nach unendlicher Weite.

Sein Streben und Trachten nach köstlicher Fülle -
es ward ihm zum treibenden Jagen.
Es tauschte so gerne den Lärm gegen Stille,
die Leichtigkeit gegen 's Ertragen.

Die Ruh' über Wipfeln erträumt es als Wiege,
zu betten den Körper in Frieden.
Der Atem geht sachte noch einige Züge,
dann ist er aus allem geschieden.

Erwachen im Drüben. Ein Lachen. Ein Freuen.
Ein Tanzen nach kindlicher Weise.
Die Seele umjubelt ihr eignes Befreien
nach irdisch beschwerlicher Reise.

Von Schmerzen verlassen. Von Sorgen entbunden.
Ein Mitleid mit denen, die blieben.
Am ewigen Ufer sich selber gefunden.
Kein Blatt mehr mit Tränen geschrieben.

Von Ahnen empfangen. Ein Festmahl gehalten
inmitten der schmerzlich Vermissten.
Vorbei alles Schalten. Vorüber das Walten.
Vergessen das einsame Fristen.

Die Engel posaunen. Die Chöre erklingen.
Die Liebe darf laut triumphieren.
Auf Erden ein Jammern. Im Himmel ein Singen.
Das Wahre entflieht dem Maskieren.


(c) Bettina Lichtner